Jung bleiben und es krachen lassen

Bei einem der letzten Streifzüge durch die großen Elektronikfachmärkte hatte ich bei der Kassa wieder mal einen kleinen Stapel an DVDs dabei. Darunter eine silberne Scheibe, die mir bereits in Vorankündigungen aufgefallen war: Young @ Hearts. Eine Dokumentation über einen Chor, dessen Mitglieder zwischen 70 und 100 Lenze auf dem Buckel haben. Jeder einzelne, nicht alle zusammen. Um von Beginn an Klartext zu sprechen – ich rede auch nicht von den Rolling Stones, der Wiederkehr von Jopi Heesters oder von einer zweiten Karriere von Thomas Gottschalk.

Nein, das Ganze findet in Northampton statt, Massachusetts, gegründet von Stammvätern aus dem benachbarten Springfield. Ein Schelm, wem da ein Volk von gelben gezeichneten skurillen Charakteren in den Sinn kommt. Dort entstand ein Chor in einem Seniorenheim und mit der Zeit geschah es, dass die durchaus begabten MusikerInnen Punk, Rock und sonstige Songs zelebrieren. Stell dir das mal vor – eine Oma auf einer Bühne, die die Clashhymne „Should I go or should I stay“ ins Micro schreit. Das aber ist die Eröffnungsszene, die gleich mit vollem Karacho los legt.

Insgesamt bringt Steven Walker, der Regisseur, auf knapp 100 Minuten die sieben Wochen der Vorbereitung auf ein neues Programm unter. Er begleitet die Sänger in ihre Häuser, er interviewt während der Proben und er schafft es, die Distanz zu den liebenswerten Protagonisten über die Entfernung von mittlerweile doch ein paar Jahren auf Nullkommanichts schrumpfen zu lassen. Der Grundtenor ist die Lust am gemeinsamen Singen, die Gemeinschaft, die auf der Bühne den Applaus für ihre tollen Leistungen empfängt. Die Baseline sind die einzelnen Charaktere, die auch mal in Solorollen schlüpfen, mit den Problemen des Alters und des Alltags zurechtkommen müssen. Die Melodie schwankt zwischen liebenswerten Szenen und endlos traurigen Momenten, wenn ein Mitglied für alle Zeiten die Show verlässt. Doch wie wichtig ist den Menschen die Musik und der Gesang. Sie lieben Klassik und quälen sich mit Sonic Youth Texten. Sie hassen Songs, die in wenigen Zeilen 71 mal das Wort „can“ wiederholen. Sie plagen sich mit dem Lernen von Lyriks, ja schon das Lesen auf extragroß gedruckten A3 Seiten bedarf manchmal einer Lupe.

Doch das Funkeln in den Augen, die Begeisterung beim Auftritt, die unvergessenen Momente, die sie alle erlebten, auch wenn der Gesangspartner nicht mehr anwesend sein kann, lassen sie alle in ihren Herzen jung bleiben. So jung, dass ich als Zuseher nur staunen kann über die Leistungen, den Willen und die Energie, die diese Silber Ager (wie es so schön im Marketing Jargon heißt) mitbringen. Tief berührt und bewegt habe ich diesen Film gesehen und kann ihn jedem uneingeschränkt empfehlen. Das gibt mir Hoffnung, dass diese Welt doch mit Musik ein wenig besser werden kann.

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